Germanische Stämme Tabelle: Siedlungsgebiete, Stammessysteme und spätere Völkerwanderung

Wer sich mit den Germanen beschäftigt, stößt schnell auf ein Problem: Es gab nie „die Germanen“ als geschlossenes Volk, sondern eine Vielzahl locker verbundener Stämme, deren Namen, Bündnisse und Siedlungsgebiete sich über Jahrhunderte veränderten. Tacitus zählte in seiner „Germania“ bereits über sechzig Stammesnamen. Dieser Beitrag ordnet die wichtigsten Gruppen geografisch ein, erklärt die Grundzüge ihrer gesellschaftlichen Organisation und zeigt, wie aus ihnen während der Völkerwanderung neue Großstämme und Reiche entstanden.

Die geografische Gliederung der germanischen Stämme (1. Jahrhundert)

Da schriftliche Selbstzeugnisse fehlen, stützt sich die Forschung vor allem auf römische Autoren wie Tacitus und Plinius sowie auf archäologische Funde. Üblich ist eine Einteilung nach Siedlungsräumen:

Gruppe Siedlungsgebiet Wichtige Stämme
Nordseegermanen (Ingaevonen) Küstenregionen von der Rheinmündung bis Jütland Friesen, Chauken, Angeln, Warnen
Rhein-Weser-Germanen (Istaevonen) Zwischen Niederrhein und Weser Chatten, Cherusker, Brukterer, Sugambrer, Tenkterer, Usipeter, Angrivarier, Bataver, Ubier
Elbgermanen (Sueben im weiteren Sinn) Elbe-Raum bis nach Böhmen und Mähren Semnonen, Hermunduren, Markomannen, Quaden, Langobarden
Oder-Weichsel-Germanen Zwischen Oder und Weichsel, später Richtung Schwarzes Meer Vandalen, Burgunden, Goten
Nordgermanen Südskandinavien, Jütland Vorläufer der späteren skandinavischen Völker
Hinweis zur Einteilung: Diese Gliederung geht auf eine Kombination aus antiken Quellen (besonders Plinius‘ Einteilung in Ingaevonen, Istaevonen und Herminonen) und moderner archäologischer Klassifikation zurück. Sie beschreibt sprachlich-kulturelle Ähnlichkeiten, keine festen politischen Grenzen. Die Zugehörigkeit einzelner Stämme wird in der Forschung teils unterschiedlich beurteilt.

Stammessysteme: Wie germanische Gesellschaften organisiert waren

Trotz aller regionalen Unterschiede lassen sich einige gemeinsame Strukturmerkmale germanischer Stammesgesellschaften der römischen Kaiserzeit benennen:

Die Volksversammlung (Thing)

Wichtige Entscheidungen – Kriegserklärungen, Rechtsurteile, die Wahl von Anführern – wurden in Versammlungen freier, waffenfähiger Männer getroffen. Tacitus beschreibt dieses Verfahren in seiner „Germania“ recht ausführlich, wobei seine Darstellung auch idealisierende Züge trägt.

Könige, Heerführer und Gefolgschaft

Viele Stämme kannten keine dauerhafte Königsherrschaft, sondern wählten Anführer situativ, vor allem für Kriegszüge. Daneben bildeten sich Gefolgschaften: bewaffnete Gruppen junger Männer, die sich einem charismatischen Anführer persönlich verpflichteten. Aus solchen Gefolgschaften gingen später Heerkönige mit dauerhafterer Macht hervor, wie im Fall des Cheruskerfürsten Arminius oder des Markomannenkönigs Marbod.

Sippen- und Klientelstrukturen

Unterhalb der Stammesebene organisierte sich die Gesellschaft in Sippen und Großfamilien. Kleinere Gruppen konnten als Klienten größeren, mächtigeren Stämmen angeschlossen sein, ohne ihre eigene Identität vollständig zu verlieren.

Vom Kleinstamm zum Großstamm

Ab dem 3. Jahrhundert verschmolzen viele kleinere Stämme unter dem Druck der römischen Grenzsicherung und wachsender Konkurrenz zu neuen, größeren Verbänden. So entstand am Niederrhein aus mehreren älteren Stämmen der Großstamm der Franken, im Gebiet zwischen Rhein und Donau die Alemannen, und in Norddeutschland festigte sich der Stammesverband der Sachsen, in dem unter anderem die Chauken aufgingen.

Von den Kleinstämmen zur Völkerwanderung

Der Übergang von den bei Tacitus beschriebenen Kleinstämmen zu den großen Wandervölkern der Spätantike vollzog sich über mehrere Jahrhunderte. Ein zentraler Auslöser der eigentlichen Völkerwanderungszeit war der Vorstoß der Hunnen aus Zentralasien, der ab etwa 375 n. Chr. eine Kettenreaktion von Wanderbewegungen in Gang setzte.

Jahr Ereignis Beschreibung
um 375 Hunnensturm Die aus Zentralasien vordringenden Hunnen setzen die ostgermanischen Goten unter Druck und lösen damit die Völkerwanderung aus.
378 Schlacht von Adrianopel Westgoten besiegen ein oströmisches Heer, Kaiser Valens fällt. Erster schwerer militärischer Rückschlag Roms gegenüber germanischen Verbänden auf eigenem Boden.
406 Rheinübergang von Vandalen, Alanen und Sueben Germanische und alanische Gruppen überschreiten bei Mainz den zugefrorenen Rhein und dringen nach Gallien vor.
410 Plünderung Roms durch die Westgoten Alarich I. erobert und plündert Rom. Ein Ereignis mit enormer symbolischer Wirkung auf die gesamte Mittelmeerwelt.
429–439 Vandalenreich in Nordafrika Die Vandalen ziehen über Spanien nach Nordafrika und erobern 439 Karthago, wo sie ein eigenes Reich errichten.
451 Schlacht auf den Katalaunischen Feldern Ein Bündnis aus Römern und Westgoten stoppt den Vorstoß Attilas und der Hunnen in Gallien.
453 Tod Attilas Nach Attilas Tod zerfällt das Hunnenreich rasch, germanische Völker gewinnen wieder mehr Handlungsspielraum.
476 Absetzung des Romulus Augustulus Der germanische Heerführer Odoaker setzt den letzten weströmischen Kaiser ab. Traditionelles Datum für das Ende des Weströmischen Reiches.
493 Beginn der Ostgotenherrschaft in Italien Theoderich der Große besiegt Odoaker und errichtet ein ostgotisches Königreich mit Sitz in Ravenna.
496/498 Taufe Chlodwigs I. Der Frankenkönig Chlodwig lässt sich katholisch taufen und legt damit einen Grundstein für die spätere enge Bindung des Frankenreichs an das römische Christentum.
507 Schlacht von Vouillé Chlodwig besiegt die Westgoten und verdrängt sie aus weiten Teilen Galliens nach Spanien.
568 Einfall der Langobarden in Italien König Alboin führt sein Volk nach Italien und begründet dort ein langobardisches Reich. Dieses Ereignis gilt konventionell als Endpunkt der Völkerwanderungszeit.
Zum Begriff „Völkerwanderung“: Der Begriff selbst ist eine spätere historiografische Prägung und wird in der aktuellen Forschung kritisch diskutiert. Statt geschlossener „Völker“, die gemeinsam wandern, waren es meist heterogene, sich immer wieder neu zusammensetzende Verbände (gentes) aus Kriegern, Familien und Gefolgsleuten unterschiedlicher Herkunft. Die klassische Datierung 375 bis 568 bleibt aber als grober zeitlicher Rahmen gebräuchlich.

Aus Kleinstämmen werden Großreiche

Am Ende der Völkerwanderungszeit stand eine grundlegend veränderte politische Landkarte. Die kleinteilige Stammeswelt der frühen Kaiserzeit hatte sich zu wenigen großen Reichen verdichtet:

  • Westgoten — gründeten nach der Vertreibung aus Gallien ein Reich auf der iberischen Halbinsel, das bis zur arabischen Eroberung 711 bestand.
  • Ostgoten — errichteten unter Theoderich dem Großen ein Reich in Italien, das 553 im Gotenkrieg gegen Ostrom unterging.
  • Vandalen — zogen über Gallien und Spanien nach Nordafrika und wurden 534 von Byzanz besiegt.
  • Burgunder — siedelten zunächst am Rhein, später im Rhonetal, wo ihr Reich im 6. Jahrhundert an die Franken fiel.
  • Franken — gingen aus mehreren rheinischen Kleinstämmen hervor und bauten unter den Merowingern und später den Karolingern das dauerhafteste der germanischen Nachfolgereiche auf.
  • Langobarden — zogen als letztes großes Wandervolk 568 nach Italien und gründeten dort ein Reich, das bis zur fränkischen Eroberung 774 bestand.
  • Angeln, Sachsen und Jüten — siedelten ab dem 5. Jahrhundert nach Britannien über und prägten die Entstehung der späteren englischen Königreiche.

Quellen und weiterführende Links

Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen, wie er auf den verlinkten Seiten dargestellt wird. Für eine vertiefte Beschäftigung empfiehlt sich zusätzlich die Lektüre der Primärquellen: Tacitus, „Germania“, sowie Plinius der Ältere, „Naturalis historia“, Buch 4.

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